Kompetenzanalyse mit BO aktiv
17. März 2026

Genau hinschauen, was Kinder wirklich können

Welche Stärken habe ich? Und in welchem Beruf kann ich diese am besten einbringen? Für Schülerinnen und Schüler der Realschule wird diese Frage spätestens in Klasse 9 konkret. Um sie darauf vorzubereiten, hat das Land die Berufsorientierung (BO) gestärkt. Auch die FES nimmt an BO aktiv teil. Doch was steckt dahinter?

BO aktiv wurde vom Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg entwickelt und vom Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg begleitet. Es ist verbindlicher Bestandteil der Berufsorientierung an Realschulen. Anders als eine Klassenarbeit misst es kein Fachwissen. Es geht nicht um Noten oder richtig und falsch, sondern um Kompetenzen: Wie liest ein Schüler eine komplexe Aufgabenstellung? Wie plant er sein Vorgehen? Wie arbeitet er im Team? Und wie reflektiert er sein Handeln?

Gerade das Lesen spielt eine zentrale Rolle. Viele Jugendliche lesen flüssig – doch wird ein Arbeitsauftrag in seiner Tiefe verstanden? Werden Bedingungen, Einschränkungen und Reihenfolgen erkannt? Kann ein Text in praktisches Handeln übersetzt werden? Dieses verstehende Lesen ist eine Schlüsselqualifikation – für alle Fächer und erst recht für Ausbildung und Beruf.

Deutlich wird das in der Einzelaufgabe „3D-Karte“. Jede Schülerin und jeder Schüler erhält eine schriftliche Anleitung, nach der eine dreidimensionale Karte gestaltet werden soll. Der Text beschreibt präzise, welche Elemente wo platziert werden, welche Abstände einzuhalten und welche Schritte sinnvoll sind. Wer nur überfliegt, gerät ins Stocken. Wer analysiert, markiert und strukturiert vorgeht, kommt ans Ziel. Beobachtet wird nicht das schönste Ergebnis, sondern der Denkprozess: Wird nachgelesen? Werden Unklarheiten erkannt? Wird planvoll gearbeitet?

In zwei Einzel- und zwei Gruppenaufgaben zeigen die Jugendlichen, wie sie Anleitungen umsetzen. In einer Gruppenaufgabe soll ein Werbeplakat für ein (ausgedachtes) Produkt erstellt werden. Am Anfang steht ein schriftlicher Auftrag. Bevor gestaltet wird, muss die Gruppe besprechen: welches Produkt bewerben wir? Es werden Lösungswege diskutiert und schließlich Rollen verteilt. Eine Lehrkraft beobachtet, greift aber nicht ein. Sichtbar wird, wer Verantwortung übernimmt, andere einbezieht oder sich auf den Wortlaut des Auftrags bezieht.

Das fertige Plakat oder das Produkt selbst sind zweitrangig. Entscheidend ist der Prozess: Wie werden Meinungsverschiedenheiten gelöst? Wird argumentiert oder übergangen? Dient der Text als gemeinsame Grundlage oder wird improvisiert? Das sind Kompetenzen, die im Berufsleben zählen.

Was die Lehrkräfte jedes Jahr beeindruckt, ist die Ernsthaftigkeit der Schülerinnen und Schüler. Schulleiter Jürgen Hakenjos sagt: „Erstaunlich, dass sich die Schüler zweimal 40 Minuten am Stück konzentrieren und leise arbeiten können. Sie nehmen das sehr ernst.“ Es entsteht eine Atmosphäre wie in einer Prüfung – jedoch ohne Notendruck.

Im Anschluss erhalten die Jugendlichen eine individuelle Rückmeldung. Die Beobachtungen werden ausgewertet und in einem Kompetenzprofil gebündelt. Es bildet die Grundlage für Gespräche über Stärken, Interessen und nächste Schritte in der Berufsorientierung. Eltern bekommen so ein differenziertes Bild davon, wie ihr Kind liest, plant und kooperiert – jenseits von Klassenarbeiten und Zeugnisnoten.

Die Kompetenzanalyse mit BO aktiv ist kein zusätzlicher Test, sondern ein gezielter Entwicklungsschritt. Sie macht sichtbar, was im Unterricht oft nur implizit bleibt: wie junge Menschen denken, Texte erschließen und gemeinsam Lösungen finden. Und sie zeigt, dass Jugendliche über lange Zeit konzentriert und verantwortungsvoll arbeiten können – wenn man ihnen eine Aufgabe anvertraut, die sie ernst nehmen.

Claudia Schäfer
Abteilungsleiterin Kommunikation