Eine Geschichtsstunde am Beruflichen Gymnasium
17. März 2026

Erinnern, Verstehen, Verantwortung

Geschichtsstunde in der J1s. Die Geschichtslehrerin, Frau Harnisch, hat heute besonderes Material dabei. Eine Mappe mit Fotopostern und Texten, zusammengestellt von der Internationalen Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.
In Paaren erhalten die Schülerinnen und Schüler ein nummeriertes Poster mit Texten und Augenzeugenberichten. Sie haben 45 Minuten Zeit, um eine Präsentation vorzubereiten.

Bilder, die unter die Haut gehen

Die Vorträge starten. Beim ersten Poster geht es um die Nazi-Ideologie: Es gebe eine Herrenrasse, der alle anderen Rassen dienen müssten. Auf dem Foto ist ein verängstigtes jüdisches Kind zu sehen, daneben als Kontrast ein stolzer deutscher Junge in Uniform neben Hitler. Die Poster arbeiten mit beklemmenden Gegensätzen. Auf dem nächsten Fotoposter sieht man KZ-Häftlinge in Reihen, kahlgeschoren und abgemagert – daneben eine Nazi-Veranstaltung mit Tausenden von Deutschen, Arme ausgestreckt, ebenfalls in Reih und Glied. Es wird klar: Das Naziregime zielte auf Gleichschaltung.

Das Material ist chronologisch geordnet. Die Schülerinnen und Schüler sollen nachvollziehen, wie sich Monat für Monat nationalsozialistisches Denken ausbreitete und schließlich in Holocaust und Krieg mündete.

Das neue Normal

Das nächste Poster zeigt zwei Soldaten, die über dem Eingang eines Geschäfts ein Banner hochhalten: Die Juden sind unser Unglück. Wer hier kauft, wird photographiert, steht darauf. In ihrem Vortrag berichten die beiden Schüler: Dieser Boykott entstand nicht spontan, sondern war von der Regierung angeordnet. Er fand an einem festgelegten Samstag statt. „Jetzt könnte man ja denken, dass der Boykott kurz vor der Reichspogromnacht 1938 ausgerufen wurde“, sagt Frau Harnisch. „Aber es war viel früher! Schon 1933. Gleich am Anfang setzte das Regime auf Gewöhnung und Abstumpfung. Die Menschen sollten Hass und Verachtung als normal empfinden.“

„Schon krass, dass einfach ein neues Normal eingeführt wird“, sagt eine Schülerin.

Stimmen aus dem Ghetto

Die nächste Schülerin berichtet aus ihrer Quelle, den Aufzeichnungen eines 15-Jährigen, der in der Nacht von der Gestapo abgeholt und ins Ghetto gesperrt wurde. „Er schreibt, dass sie nachts in seiner Wohnung standen und herumschrien. Seine Familie hatte zehn Minuten Zeit, um das Nötigste zu packen.“ Sie liest ein Zitat von ihm vor. „Hier im Ghetto fühle ich mich wie in einer Schachtel. Ich kann nicht atmen.“ In der Klasse ist es ganz still.

Schnell ist die Zeit vorbei. Am Ende des Unterrichts fragt Frau Harnisch ein paar Schüler, wie sie das Material fanden. „Sehr gut“, antworten sie, „eindrücklich und gleichzeitig informativ. Man kann gut damit arbeiten, und es berührt einen.“

In der nächsten Geschichtsstunde sollen die Präsentationen fortgeführt werden. Vom Ghetto ins Konzentrationslager. Sicherlich wird es dann noch stiller.

Stefanie Rapp
Redaktion