07. Februar 2024

Ein Tag am GymnasiumGemeinsam

Immer wieder hört man hoffentlich etwas über das GymnasiumGemeinsam, dass es nun seit über 5 Jahren an der FES gibt. Doch wie sieht eigentlich der Alltag in einer dieser Klassen aus? Ich möchte versuchen, hier einen Tag in einer dieser Klassen zu schildern, wie er in etwa aussehen könnte.

Schulbeginn für die Freddies ist um 7.35 Uhr. Aber nicht, wie eigentlich an der FES üblich, mit einer Andacht. „Warum nicht?“ werden sich jetzt viele fragen. Weil wir ja eigentlich noch gar nicht vollständig sind! Unsere Karlis kommen ja erst gegen 8.15 Uhr mit den Bussen. Und deshalb verschieben wir die Andacht möglichst nach hinten, so dass wir dann auch alle gemeinsam dabei sein können.

Deshalb heißt es für die Freddies erst einmal Konzentration und z.B. Wissen in BNT aneignen. Gleich auch noch schwere Kost, es soll ein Fachtext über Käfer gelesen werden und die Merkmale, die für Insekten allgemein gelten, herausgeschrieben werden. Und bitte zügig fertig werden! Denn um etwa 8.20 Uhr stoßen ja dann die Karlis zu uns. Sind auch alle Plätze gerichtet für sie und alle Stühle da?

Nun sind wir also vollständig. Wie geht es weiter? Nicht mit dem Fachtext. Nun gibt es eine Aufgabe, die Karlis und Freddies gemeinsam erarbeiten können. Wer meldet sich für eine Gruppe mit einem Karli? Oft sind es dieselben, und wir wissen dann schon, wo die Zusammenarbeit gut funktioniert. Manchmal entstehen auch neue Gruppen. Das freut uns dann sehr, es kann sehr bereichernd sein. Worauf kommt es bei der Zusammenarbeit an? Wir wünschen uns, dass es den Freddies gelingt, die Karlis mit in die Arbeit hineinzunehmen. Dazu gehört, dass z.B. Texte oder Informationen für die Karlis vereinfacht wiedergegeben werden. Die Freddies kennen die Karlis ja mit der Zeit, wissen also, wer kann schreiben, wer malt die Antwort besser. Oder kann ein Wort vorgeschrieben werden? Weil wir Lehrkräfte ja in diesen Stunden auch meist zu dritt sind, können wir den Gruppen auch mit Rat und Ideen zur Seite stehen, wenn das gebraucht wird. So hat am Ende dann hoffentlich jeder seine Aufgabe zufriedenstellend gelöst. Für die Freddies ist es sehr hilfreich, ein Thema auch mal auf die nötigsten Informationen herunterzubrechen – dadurch entsteht ein genaueres Verständnis des Lernstoffs. Und oft hat uns schon ein Karli überrascht, weil da Interesse für ein Thema geweckt wurde und er oder sie sich dadurch Spezialwissen angeeignet hat, dass auch noch mehrere Schulstunden später abgerufen werden konnte! So entstehen oft tolle Ergebnisse, sowohl für die Karlis als auch für die Freddies.

Dann ist Pause. Wenn ich als Lehrerin durch das Gebäude oder über den Pausenhof laufe, werde ich von den Karlis schon von weitem mit großer Freude begrüßt. Da geht mir immer wieder das Herz auf. Oft erzählen sie mir, wie sehr sie sich auf die kommenden gemeinsamen Stunden freuen.

Den Tagesablauf möglichst gemeinsam zu gestalten, ist gar nicht so einfach. So gehen die Karlis meist schon um 12 Uhr in die Mittagspause, weil da die Mensa noch nicht so voll ist. Die Freddies haben aber erst um 13 Uhr Mittagspause, doch um 14:30 Uhr stehen die Busse auf dem Schulhof, bereit die Karlies abzuholen. Wir versuchen daher den Unterricht so zu gestalten, dass es nach der 2. Pause noch eine Möglichkeit gibt, eine weitere Stunde gemeinsam zu unterrichten und auch das BNT-Praktikum in Klasse 5 und 6 soll möglichst gemeinsam stattfinden. Um die Zeit bestmöglich zu nutzen, legen wir da die praktischen Versuche in die ersten 45 Minuten, der Theorieteil folgt dann nach Abfahrt der Karlis.

Natürlich können wir nicht alle Unterrichtsstunden gemeinsam machen. Es gibt einige Fächer, in denen die fachlichen Inhalte nicht auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden können. Mathe oder auch die Fremdsprachen wären hier z.B. zu nennen. Umso schöner ist es, wenn in dem Mittelblock Stunden liegen, die wir komplett gemeinsam gestalten können. Denn zu allen anderen Zeiten kommen die Karlis später oder gehen früher.

Ein Highlight der Woche ist dann für uns dieses Schuljahr der Donnerstag in der 6. Klasse. Hier haben wir Geschichte in der 3. und 4. Stunde. Zurzeit beschäftigt uns das Thema Ägypter. Das ist für die meisten sehr interessant und motiviert zu freiem Arbeiten in gemischten Gruppen – wir nutzen dann gern auch die Flure zum Arbeiten. Kürzlich wurde ich von einem Karli geholt, weil die Jungs in seiner Gruppe so unanständig reden und er das gar nicht hören will. Natürlich ging dann in mir als Lehrperson das Gedankenkarussell los: Wie haben wir die Gruppe zusammengesetzt? Haben wir hier eine Kombination zugelassen, die nicht gut arbeitet? Schnell bin ich mit ihm hinausgegangen, um „meine“ Freddies zurechtzuweisen und erneut darauf hinzuweisen, dass konzentriert gearbeitet werden soll. Und was sah ich, als ich zur Gruppe kam? Friedlich und konzentriert arbeitende Jungs, die sich gerade mit Mumifizierung beschäftigen. Es stellte sich heraus, dass unser Karli es nicht mag, wenn man über Tote spricht und darüber, wie sie präpariert wurden ????. So löste sich dieses Missverständnis schnell auf.

Sowohl Freddies als auch Karlis brauchen aber auch immer wieder Zeit „alleine“, um die jeweiligen Lernziele, die nicht vereinbar sind, zu erreichen und jedem einzelnen gerecht zu werden. Deshalb ist es in solchen getrennten Stunden umso schöner, wenn zumindest die Andacht ein gemeinsamer Augenblick sein kann oder, jetzt in der Adventszeit, z.B. auch das Öffnen des gemeinsamen Adventskalenders.

Ich erlebe als Lehrerin in diesen Klassen immer wieder Sternstunden, die mir zeigen, wie wichtig diese Arbeit ist. Freddies, die im sozialen Bereich so viel mehr lernen als andere und uns damit begeistern. Karlis, die über sich hinauswachsen und uns alle überraschen. Und Freundschaften, die entstehen zwischen Karlis und Freddies.

Hanni Vundru,
Lehrerin GymnasiumGemeinsam